Wenn Menschen ihren Körper verkaufen – Sextourismus in Südostasien

von | Apr 30, 2020 | Informationen, Reisen | 0 Kommentare

Wahrscheinlich hast Du schon mal von Thai-Massagen mit „Happy End“ gehört. Dahinter steckt oft viel Leid, Kriminalität und Menschenhandel. Sextourismus gehört in Südostasien zum Alltag, allerdings war mir das Ausmaß davon vor meiner Reise nicht bewusst. Ich habe während meines Studiums eine Arbeit über Sextourismus als globales Problem geschrieben und diese möchte mit Dir teilen.

Es ist sehr schwierig, korrekte Daten über Sextourismus in Thailand zu finden. Prostitution und Sexhandel sind illegal, daher ist es ziemlich unmöglich, Statistiken mit exakten Daten zu finden. Alle Daten sind Schätzungen – und wahrscheinlich sind die Zahlen in Wirklichkeit viel höher.

Rund 42 % aller Touristen in Thailand sind Sextouristen. Viele glauben, dass der Sextourismus in Thailand deshalb entstanden ist, weil die Einheimischen sehr offen und ungezwungen mit dem Thema Sex umgehen. Die Entstehung des Sextourismus ist jedoch auf den Vietnamkrieg zwischen 1955 und 1975 zurückzuführen. Die US-Armee verfügte zu dieser Zeit über Erholungszentren in Thailand, in denen Soldaten zwischen den Kriegseinsätzen Urlaub machten. Mit dem Bedarf an weiblicher Gesellschaft, nahm die Zahl der Prostituierten zu und der Handel mit Sex stieg an. In dieser Zeit stieg auch die Beliebtheit des Landes als Urlaubsziel. Als die US-Armee Thailand verließ, wurde der Sexhandel vom Tourismussektor „übernommen“.

Eine UN – Statistik spricht von rund 300.000 Sexarbeiterinnen in Thailand – wahrscheinlich ist die Zahl um ein Vielfaches höher. Viele der Prostituierten kommen aus dem armen Norden Thailands. Die Schulpflicht endet bereits im Alter von 12 Jahren. Vor allem Kinder aus ärmeren Verhältnissen beenden daher früh ihre schulische Laufbahn und verfügen über ein niedriges Bildungsniveau. Dies treibt viele junge Menschen auf die Straße, die Bettelei ist oft ihre einzige Einnahmequelle. Der Verkauf des eigenen Körpers ist allerdings weit lukrativer. Ein Sexarbeiter verdient weitaus mehr als ein „normaler“ Arbeiter mit demselben Bildungsstand. Genau das macht diese jungen Mädchen und Jungen  auch  zu leichten Opfern von skrupellosen Menschenhändlern.

@Martin Sasse/laif.

Prostitution wurde in Thailand 1960 für illegal erklärt. Trotzdem werden in Go-Go-Bars, Bierbars, Massagezentren und Karaokebars immer noch sexuelle Dienstleistungen angeboten. Diese Einrichtungen haben eine Lizenz um „nicht-sexuelle Dienstleistungen“, wie Massagen oder Striptease, anzubieten. Der Sextourismus passiert dort im Verborgenen. Der steigende Sextourismus hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit. Ein WHO-Bericht aus dem Jahr 2015 schätzt, dass in Thailand fast 520.000 Menschen zwischen 15 und 49 Jahren mit AIDS/HIV leben.

Ich habe im Winter 2017 anderthalb Monate in Thailand verbracht und ich möchte meine eigenen Erfahrungen mit Dir teilen. Dieses Thema ist für mich so emotional, weil ich einfach nicht verstehen kann (und will), warum Menschen für Sex bereit sind, Menschenhandel zu unterstützen. Es machte mich traurig, wütend und ich fühlte mich hilflos – alles in einem. Ich kam in der Hauptstadt Bangkok an und eines der ersten Dinge das mir auffiel, war ein älterer, westlich aussehender Mann in Begleitung eines jungen, thailändischen Mädchens. Ausländer mit weißer Hautfarbe werden von den Thais, oft auch abwertend, als  „Farang“ bezeichnet. Ich saß in einem Restaurant an der berühmten Kao San Road, umgeben von jungen Thai-Mädchen und weißen, alten Männern, Farangs. Zuerst dachte ich, es würde ein paar Tage dauern, bis ich mich an diese seltsame Situation gewöhne. Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie damit abgefunden.

In jedem Land, in dem ich in Südostasien war, gehörte Prostitution zum Alltag. Nach drei Tagen in Bangkok fuhr ich nach Koh Chang, einer kleinen Insel im Süd-Osten Thailands. Ich entschied mich bewusst dagegen, nicht die Hochburgen des Sextourismus, wie Pattaya, zu besuchen. Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, dass der Sextourismus auch auf der idyllischen Insel Koh Chang angekommen ist. Ich lebte dort in einem Resort und arbeitete als Freiwillige mit Flüchtlingskindern aus Kambodscha. Die Besitzerin des Resorts, eine Südtirolerin, erzählte mir viele Geschichten über das Problem des Sexhandels in Thailand. Ich habe es vom ersten Tag an selbst erlebt. Du kannst es Dir so vorstellen: Als Farang findet man Sex an jeder Ecke, selbst auf dieser kleinen Insel. Es gibt Hunderte von Frauen in den Bars, die nur darauf warten, einem Farang ihre Dienste anzubieten. Die meisten von ihnen sind arme Frauen oder Ladyboys (Männer, die sich als Frauen verkaufen) aus dem Norden des Landes, die oft keine andere Möglichkeit sehen, als ihren Körper gegen Geld zu verkaufen. Bedingt durch das niedrige Bildungsniveau scheint die  Prostitution das einzige Gewerbe zu sein, um der Armut zu entfliehen. Das Geld schicken sie dann in den Norden zu ihren Familien, um diese zu unterstützen. Armut

Foto aufgenommen von mir in Seam Reap – Kambodscha 2018

Auch in Kambodscha, Vietnam und Indonesien gehört Prostitution zum Alltag. Das Bild von Kindern auf dem Straßenstrich wird mich ein Leben lang verfolgen. Die ungerechte Aufteilung des Reichtums auf unserer Welt führt dazu, dass sogar Kindern keine andere Möglichkeit bleibt, als mit ihren Körpern Geld zu verdienen. Ich arbeitete auf Koh Chang als Freiwillige in einer Tagesstätte für kambodschanische Kinder, die keine öffentliche Schule besuchen konnten, weil sie noch nicht regulär in Thailand waren. Sie erzählten mir von ihren Träumen. Träume, die jeder von uns hat. Eine Familie gründen, einen guten Job haben und zu reisen. Als ich ihnen zuhörte, wusste ich, dass wohl auf vielen von ihnen ein ähnliches Schicksal wartet – ihren Körper an einem Farang zu verkaufen, um so ihre Familie finanziell unterstützen zu können.

Wenn in Thailand jemand stirbt, weint man nicht.

Nein.

Man lächelt wie eine neue Blume, weil ihr Leiden beendet ist.

– Pla

Pla war ein 19-jähriges Mädchen, das als Bargirl in Bangkok arbeitete. Eines Nachts lies sie sich, wie so oft, auf einen Farang ein. Eine Woche lang war Pla nicht auffindbar. Bis man sie fand. Tot. Über die Todesursache liegen keine Informationen vor. Das traurige Schicksal von Pla, ist nur eines von vielen….
Link zur Dokumentation über Pla – „Bangkok Girl“
https://www.youtube.com/watch?v=cXCPaCr4pdc&feature=emb_logo

Sextourismus ist ein globales Problem. Nicht nur die Länder, in denen Sextourismus zum Alltag gehört, sondern auch die Länder, aus denen die Sextouristen kommen, sind Teil des Problems. Aufgrund der wachsenden Möglichkeiten, mit wenig Geld die ganze Welt zu bereisen, nimmt auch die Zahl der Sextouristen zu. Sextourismus ist nicht nur ein Problem des globalen Südens – er findet auch im Herzen Europas statt. Deutschland zum Beispiel ist eine Hochburg für Sextouristen. Obwohl die Prostitution in Deutschland 2002 für legal erklärt wurde, werden immer noch Frauen aus osteuropäischen Ländern von Menschenhändlern nach Deutschland gebracht.

Es liegt mir am Herzen, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Alle, die die Dienste eines/-r Prostituierten in Anspruch nimmt, sollte kritisch hinterfragen, ob damit Ausbeutung und Menschenhandel unterstützt werden. Die Armut und Hilflosigkeit dieser Menschen wird von rücksichtlosen Sextouristen ausgenutzt. Zurück bleiben verkaufte Körper und verwundete Seelen – ohne Aussicht auf ein Entkommen aus dem Milieu.

In Liebe,

Sabrina

Quellen:

http://www.wolfgang-bauer.info/pages/reportagen/kinderprostitution/kinderprostitution.html

https://www.ko-chang.info/de/thailand/prostitution-aids-sextourismus/

https://www.welt.de/politik/deutschland/article155810700/Prostitution-als-exorbitantes-Geschaeftsmodel.html

https://www.lonelyplanet.com/thailand/bangkok/background/other-features/b9e4d08a-a917-4bbb-8329-656c5e62bdd6/a/nar/b9e4d08a-a917-4bbb-8329-656c5e62bdd6/357640

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