Ein Insel-Junge namens Chocolate

von | Apr 30, 2020 | Informationen, Reisen | 0 Kommentare

Die letzten zwei Wochen meiner Reise verbrachte ich in Indonesien. Ich landete in Bali, dann gings mit dem Speedboot weiter und schlussendlich mit einem traditionellen Fischerboot nach Gili Meno – die mittlere Insel der drei Gili-Inseln. Mit einer Fläche von 15km² zu Fuß in zwei Stunden zu umrunden, weißen Sandstränden, vielen Pferden – einfach ein kleines Paradies. Auf der Insel leben 400 Menschen, die mit dem Tourismus, den Kokosnussanbau und der Fischerei ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich fühlte mich vom ersten Moment an wohl. Es fühlte sich wie heimkommen an. Es war so ruhig, so harmonisch. Auf Gili Meno gibt es keine Autos und Motorräder, was nach drei Monaten im asiatischen Verkehrschaos eine wunderbare Abwechslung war.

Gili Meno - weißer Sandstrand und kristallklares Wasser

Als ich ankam fragte ich nach dem Weg. Die ersten drei Tage hatte ich nämlich im nachhaltigen Eco Hostel gebucht. Freundlich wurde mir auf ein Stück Papier der Weg eingezeichnet. Mit meinem Rucksack auf dem Rücken marschierte ich los. Ich durchquerte zuerst die Insel und kam nach einem schattigen Weg an den Strand. Von da aus wäre es noch ein 15-minütiger Spaziergang gewesen. Doch das Wasser war so schön, dass ich alle paar Meter stehen blieb und staunte. Ich vergaß dabei, dass es 35 Grad im Schatten hatte und die Luftfeuchtigkeit die Hitze noch unerträglicher machte. Als ich nach einer knappen Stunde im Eco Hostel ankam, wurde ich von Jakob freundlich begrüßt. Jakob kommt aus Indien und arbeitete seit einem Jahr im Hostel. Ich durfte mir ein Zimmer in einem der Bambushäuser aussuchen. Jakob zeigte mir die selbstgebauten Duschen und die etwas gewöhnungsbedürftige Eco-Toiletten. Kurzgesagt, die Plumpsklos. Das Hostel war so liebevoll gestaltet, man fühlte sich sofort wohl. Ich brachte meinen Rucksack aufs Zimmer und ging nach vorne an den Strand. Mein Zuhause für die nächsten Tage war direkt am Meer – ein Traum. Jakob kam auf mich zu und lud mich dazu ein, mit ihm und den anderen Hostelbewohnern ins Restaurant zu gehen. Es war großartig, so herzlich in die Gruppe aufgenommen zu werden. Die nächsten zwei Tage verbrachte ich mit meinen neuen Mitbewohnern. Wir spazierten die Insel entlang, erzählten uns von unseren Träumen und hatten viel Spaß.

Eines Abends saßen ein paar junge Männer am Strand, spielten Gitarre, sangen und tranken Palmwein. Wir kannten die Jungs bereits. Sie leben und arbeiten auch heute noch auf Gili Meno. Wir wurden neugierig, gesellten uns zu ihnen und gemeinsam sangen wir bis spät in die Nacht. Es war eine wundervolle Energie.

Am nächsten Tag buchte ich mir ein Bungalow, um für ein paar Tage mehr Privatsphäre zu haben. Als ich dort ankam sah ich Chocolate, einen der Jungs, mit dem wir am Tag zuvor den Abend am Strand verbracht hatten. Wir mussten erstmal lachen und ich freute mich ihn widerzusehen. Er erzählte mir, dass er hier auf Gili Meno Bungalows vermietet und Schnorchel-Ausflüge anbietet. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Ich blieb noch ein paar Tage dort. Jeden Abend trafen wir uns auf dem kleinen Balkon meines Bungalows und unterhielten uns. Ich erzählte ihm auch, dass ich Angst habe, wenn es dunkel ist. Und wie sollte es auch anders kommen? An diesem Abend fiel auf ganz Gili Meno, wie so oft, der Strom aus. So saß ich in meinem Bungalow und plötzlich klopfte es um 2 Uhr Früh an meine Tür. Ich sprang aus dem Bett und stellte mir die Frage: Schnell verstecken oder mutig die Tür öffnen? Ich entschied mich für zweiteres und öffnete langsam die Tür. Da stand Chocolate mit einer batteriebetriebenen Lampe. Er reichte sie mir und meinte, dass ich keine Angst haben muss.

Chocolate erzählte mir an den weiteren Abenden sehr viel über sein Leben und ich verstand schnell, dass er sich mit seinem Gehalt wirklich nur das leisten kann, was er dringend zum Leben braucht. Chocolate hatte kein Geld für tolle Kleider oder fürs Reisen. Er erzählte mir, dass er einen Job im Tourismus auswählte, weil er dort am ehesten Englisch lernen kann. Er freute sich, dass ich mir Zeit für ihn nahm und er so Englisch üben konnte. Ihm war bewusst, dass es sehr wichtig ist fließend Englisch zu sprechen, wenn er irgendwann mal einen besser bezahlten Job möchte.

Chocolate sagte mir auch, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich so weit weg zu von zu Hause sein kann. Er selbst wäre glücklich darüber sein eigenes Land, Indonesien, bereisen zu können. Das war sein Traum – eines Tages genug Geld zu haben, um sein eigenes Heimatland bereisen zu können. Er erzählte mir auch, dass es sehr schwer ist, der Armut zu entkommen. Er meinte, man wird arm geboren, hat Freunde, die auch arm sind und lernt irgendwann eine Frau kennen, die selbst aus ärmeren Verhältnissen kommt. „Oder hättest du Interesse an einem Jungen wie mir?“, fragte er. Ich schaute ihn erstaunt an und er meinte, dass er sich kaum vorstellen kann, dass ein reiches Mädchen mit Schulabschluss sich in einem Jungen wie ihn verlieben könnte. Er meinte, er würde sich sogar schlecht dabei fühlen, seiner zukünftigen Frau nichts bieten zu können. Das machte mich sehr nachdenklich.

Ich fragte ihn, ob er glücklich ist. Chocolate lachte. „Ja ich bin glücklich, ich habe genug zum Essen. Und sogar eine Arbeit, von der ich leben kann. Nur meine Träume kann ich mir davon nicht erfüllen.“  Er liebt es neue Leute kennenzulernen und deren Geschichten zu lauschen. So kann er vieles Lernen und bekommt einen Einblick in das Leben anderer. Doch es macht ihn manchmal traurig zu wissen, dass vielen anderen jungen Leuten die Welt offensteht. Nach diesen Gesprächen wurde mir nochmal bewusst, wie glücklich ich mich schätzen darf. Es machte mich sehr traurig, dass der Reichtum dieser Welt so ungerecht aufgeteilt ist. Ich wusste, dass Chocolate glücklich war – ich wünsche ihm von tiefsten Herzen, dass seine Träume irgendwann in Erfüllung gehen.

Die Begegnung mit Chocolate hat mir gezeigt, wie dankbar ich sein darf für mein gutes Leben. Chocolate hat mir nochmal gezeigt, dass Dinge, die für mich selbstverständlich sind, für viele andere Menschen das größte Glück auf Erden wären. Das Glück, frei Entscheidungen treffen zu können, ist ein riesen Privileg. Ich kann über mein Leben entscheiden. Ich kann mein Studium oder meinen Job wählen, ich kann meinen Wohnort wählen und ich kann zwischen hunderten Ländern jenes wählen, dass ich am liebsten bereisen möchte. Chocolate hat wie viele andere junge Menschen, die ich auf meiner Reise kennenlernte, bei vielen Dingen keine Freiheit, zu wählen.

Am Tag meiner Abreise schrieb ich Chocolate einen Brief und lies ihn im Bungalow zurück. „Lieber Chocolate, ich danke dir von Herzen für die schönen Gespräche. Ich wünsche dir nichts mehr, als dass deine Träume sich erfüllen mögen (…)“ – ich schrieb noch meinen vollen Namen dazu. Einige Wochen später erhielt ich eine Freundschaftsanfrage auf Facebook – sie war von Chocolate! Seitdem sind wir in stetigen Kontakt. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen und auf das Gefühl heimzukommen…

In Liebe,

Sabrina

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