Der Zug der Erinnerung – „Promemoria­_Auschwitz“

von | Jul 3, 2020 | Informationen, Reisen | 0 Kommentare

Vor sechs Jahren habe ich nach einer sehr emotionalen Reise das Erlebte niedergeschrieben. Diese Geschichte würde ich nun liebend gerne mit Dir teilen. Ich habe den Text meines 17-jährigen Ichs nicht abgeändert. Ich freue mich, wenn Du ihn liest.

Lass Dich berühren!

Die Reise, die mein Leben veränderte…

Es fällt mir schwer, die passenden Worte zu finden.


Und dann stand ich da, vor dem Tor, hinter dem so viele schreckliche Dinge passiert sind. Ich dachte gut darauf vorbereitet zu sein, doch das war ich nicht. Ich dachte, sobald ich in Auschwitz sein werde, werde ich anfangen zu weinen und werde meine Tränen nicht zurückhalten können, da ich ja sonst auch immer weine, wenn ich traurig bin – doch das Gegenteil passierte. Als ich in Auschwitz vor der Aufschrift „Arbeit macht frei“ stand, fühlte ich nichts, und doch so viel. Ich fühlte mich leer, alleine und ich verspürte ein mir noch unbekanntes Gefühl. Es war ein Gefühl von Last, von Traurigkeit und Mitleid. Doch weinen konnte ich nicht, nicht eine einzige Träne. Ich schämte mich in diesen Moment nicht weinen zu können. Ich konnte nicht weinen, an einem Ort wo vor nicht all so vielen Jahren, noch so viel Leid war. Und ich fragte mich warum? Ich fragte mich ständig, warum ich nicht weine. Es war ein schreckliches Gefühl nicht weinen zu können. Ich spürte, wie meine Traurigkeit und Fassungslosigkeit mit jedem Schritt größer wurde und ich mich immer mehr in mich selbst zurückzog. Am Anfang lauschte ich aufmerksam der Frau, die uns durch das Konzentrationslager begleitete, doch ihre Stimme und die der anderen verstummten immer mehr, sie wurden immer leiser. Und als wir dann in das Gebäude gingen, mit der Vitrine voll Haare, verstummten die Stimmen ganz. Geschockt und fassungslos stand ich vor unzähligen Haaren. Dann, endlich kullerte mir eine Träne über die Wange, ein Gefühl von: ja, ich will behaupten, es war Befreiung. Befreiung von diesem bedrückenden Gefühl nichts zu fühlen. So begann ich langsam zu verstehen, dass ich gerade am wahrscheinlich schlimmsten Ort der Welt bin. Ich schaute mir die Haare an, nebenan tausende von Kinderschuhen. Jedes Paar Schuhe, ein totes Kind. Ich glaubte darin Gesichter zu erkennen. Traurige Gesichter, die mich erwartungsvoll ansahen, als wollten sie mir sagen „Bitte, vergiss uns nicht“. Und genau das werde ich niemals tun, ich werde diese Vitrine mit den Haaren, die Schuhe und die traurigen Gesichter niemals vergessen. Keinen einzigen Moment der Besichtigung der Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau werde ich jemals vergessen. Ich kann es gar nicht, da mich jede Kleinigkeit an diese Reise erinnert. Jeden Tag denke ich an das was ich gesehen habe, an die wundervollen Menschen die ich getroffen habe, an die vielen weinenden Menschen, an die Millionen Menschen die im Konzentrationslager ermordet wurden. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke, wie es sich angefühlt hat diesen schrecklichen Ort zu betreten.

Als wir Auschwitz verlassen haben, schämte ich mich ein Mensch zu sein. Ich konnte nicht begreifen, dass so etwas möglich war und vielleicht auch heute noch möglich wäre. An diesem Ort, wo ich gesund stehe, mit einer dicken Winterjacke an und einem belegten Brot in der Hand, starben so viele Menschen in unmenschlichen Zuständen. Sie vegetierten dahin und wussten von Anfang an, dass ihr einziger Ausweg der Schornstein ist. Ich schämte mich diesen Ort zu verlassen, als wäre meine Freiheit selbstverständlich.

Später kamen wir in Birkenau an. Ich dachte, das schlimmste schon gesehen zu haben, doch es kam wieder einmal genau anders. Als ich das Lager Birkenau betrat, sah ich kein Ende, ich habe in die Weite geblickt und sah nur Baracken und Stacheldraht. Keine Blume, keine Tiere, nichts. Die unglaubliche Größe des Lagers machte mir Angst, ich fühlte mich in diesem Moment so klein und wehrlos. Und ich fragte mich ständig, wer schon alles über diesen Boden gegangen ist. Bei jedem Schritt fragte ich mich, was genau hier passiert ist, wer genau hier erschossen wurde oder aus Erschöpfung zusammengebrochen und hilflos gestorben ist. Diese Fragen lassen mich bis heute nicht los.

Am Ende der Besichtigung von Birkenau, berührten mich die Worte von Laura sehr. Noch nie haben mich die Worte eines Menschen so sehr berührt und gefesselt wie in diesen Moment. Laura war eine alte Dame, Jüdin, geboren in Meran – sie begleitete uns auf unserer Reise. Noch nie zuvor teilte ich diese Gefühle mit anderen Menschen. „Ihr seid Sterne des Himmels, und das brauchen wir ja auch. Ohne euch wäre ich heute nicht hier. Danke euch allen.“ – Lauras Worte fesseln mich bis heute und jedes Mal könnte ich weinen, wenn ich daran denke. In dem Moment als Laura zu singen begann, konnte ich endlich weinen, endlich konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Als wir uns alle umarmten und weinten war ich überfordert. In den Armen fast fremder Menschen zu weinen und das an einem so schrecklichen Ort war ein seltsames Gefühl. Es fühlte sich aber richtig an, sich an so einem Ort so viel Liebe zu schenken. Denn es braucht das Schlechte, um Gutes zu sehen. Wahrscheinlich muss man das Schlechte gesehen haben, um das Gute zu schätzen. Genau deshalb war diese Reise, eine Reise, die mein Leben veränderte. Ich habe das Schlechte gesehen, könnte immer noch täglich darüber weinen, aber nun schätze ich das Gute viel mehr. Mein Leben wurde durch diese Reise bereichert, ich habe wundervolle Menschen kennengelernt, die ich niemals mehr missen möchte, habe Gefühle gespürt, die ich nie zuvor versprüht habe, habe geweint, war traurig, und bin es auch heute noch, doch mein Leben ist jetzt besser. Ich sehe nun alles halb so schlimm und doppelt so gut. Ich suche nach dem Guten, nicht mehr nach dem Schlechten. Tag für Tag denke ich an die Reise, an die vielen Leute in Auschwitz, wie schlecht es ihnen ging und wie ungerecht dies alles war. Und ich bin dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung machen durfte, bin dankbar für dieses gute und schöne Leben, dass ich haben darf, mit all seinen Berg und Talfahrten. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Tag auf dieser Erde.

Wenn Du magst kannst Du hier gerne weiterlesen. Ich erzähle Dir was mich dazu bewegt hat, als 17-jähriges Mädchen diese Reise nach Auschwitz zu unternehmen.  Die innige Beziehung zu meinem Opa spielte dabei eine große Rolle.

Mit 17 Jahren habe ich am Projekt „Promemoria_Auschwitz“ teilgenommen. Dabei handelt es sich um ein Bildungsprojekt für junge Menschen, das jährlich im Winter stattfindet. Organisiert wird es von der „Associazione di Promozione Sociale Deina“. Eines der Ziele dieser Organisation ist es, die Kriege und dessen Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch andere spannende Bildungsprojekte im sozialen Bereich bietet „Deina“ an. Das Projekt “Promemoria_Auschwitz” umfasst 5 Vortreffen, um die Jugendlichen auf die „große Reise“ vorzubereiten. Nach dieser intensiven Vorbereitung steht eine einwöchige Reise nach Krakau inklusive Besichtigung des Schindler Museum, des jüdischen Ghettos und der Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau an.

Ich hatte eine sehr innige Beziehung zu meinem Großvater Toni, der mir immer und immer wieder von seinen Erfahrungen im 2. Weltkrieg erzählte. Zu gut erinnere ich mich, wie ich gemeinsam mit meinem Opa und meinen Schwestern am Tisch gesessen bin. Damals hatten wir eine karierte Tischdecke, die Opa für seine Erzählungen zweckentfremdete – jedes Karo der Tischdecke stand für ein Land. „Das ist Italien, Österreich, Deutschland und das Jugoslawien“ und tippte dabei jeweils mit seinen riesigen Fingern auf ein Rechteck. Dann fuhr er mit seinen Fingern über die „Länder“ und zeichnete somit einen Weg ein. „Seht ihr? Ungefähr so bin ich zu Fuß nach Hause gegangen. Von Jugoslawien bis nach Südtirol“, sagte er sichtlich berührt. Unser Großvater hat uns viel über den Weltkrieg erzählt. Mit erhobenem Zeigefinger meinte er oft: „Hitler, das war ein Falott!“ (ein Falott ist ein schlechter Mensch oder ein Betrüger). Mein Opa war siebzehn als er 1944 von  der Wehrmacht eingezogen wurde – noch ein Kind. Auf seinem Arm sah man immer noch sein Tattoo aus Kriegszeiten: „SS“ war auf seinem Oberarm eingebrannt auf Lebzeit. Mein Opa zog also an der Seite der SS (Schutzstaffel) in den Krieg. Er wurde, wie viele andere auch, gezwungen, sein junges Leben in Gefahr zu bringen. Mein Opa war kein Nazi, ganz im Gegenteil. Doch er hatte keine andere Wahl.

Gespannt lauschte ich seinen Erzählungen. Opa nahm nie ein Blatt vor den Mund und berichtete von seinen Erfahrungen, so wie sie waren – emotional, traurig und oft brutal. Ich liebte es, seine Geschichten zu lauschen, weil Opa uns die Wahrheit sagte. Er hat nichts schöngeredet, nur weil wir vielleicht noch zu jung dafür waren. Seine Geschichten weckten in mir schon sehr früh ein Interesse für diese schreckliche Zeit. Mein Opa starb als ich 13 war – die Verbindung zu ihm lebt bis heute weiter.

Opas Erzählungen prägten mich. Vor allem die Tatsache, dass mein Opa bei der SS war, ließ mir keine Ruhe. Als wir uns in der Oberschule mit dem Thema „2. Weltkrieg“ beschäftigten, hörte ich von einem Freund vom Projekt „Promemoria_Auschwitz“. Am selben Abend recherchierte ich im Internet und wurde fündig. Ich sprach mich mit meinen Eltern ab und schrieb ein Motivationsschreiben, welches notwendig ist, um bei diesem Projekt teilnehmen zu dürfen. Einige Wochen nach meiner Bewerbung bekam ich eine Zusage. Die Vortreffen waren spannend, wir waren eine tolle Gruppe aus 20Jugendlichen. Am 09. März 2014 ging es los: 17 Stunden im Zug von Bozen nach Krakau.

Diese Woche war für uns alle sehr emotional und aufwühlend. Ich habe vorhin noch nie in den Armen fremder Menschen geweint oder so offen über meine Gefühle gesprochen. Unseren Betreuer war es sehr wichtig, dass wir das Erlebte besprechen und unseren Gefühlen freien Lauf lassen. Nach dem Besuch der Konzentrationslager versammelten wir uns in der Küche unserer Herberge. Jeder durfte und sollte über seine Gefühle sprechen. Es dauerte nicht lange und Tränen flossen. Diese Woche war psychisch für uns alle sehr fordernd, aber ich glaube, wir haben alle so viel fürs Leben gelernt.

Wir spürten eine tiefe Verbundenheit innerhalb unserer Gruppe. Eines faszinierte uns alle – an einem Ort, wo früher einmal so viel Leid, Hass und Gräueltaten passierten, kann doch noch ein Funke Liebe sein. Diese Liebe verspürten wir, weil uns der Besuch dieser Lager auf eine spezielle Weise verband. Zwischen uns Jugendlichen entstand im Laufe der Woche ein emotionales Band. Wir hatte uns nicht erwartet, dass an so schrecklichen Orten etwas Wunderschönes entstehen kann und zwar echte, tiefe Freundschaft.

In dieser Woche entwickelten wir uns weiter, unser Blick auf viele Dinge änderte sich und wir waren uns alle einig: Diese dunkle Zeit der Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten. So etwas darf nie wieder passieren!

In Liebe,

Sabrina

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